Mario Herger

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Eichhörnchen

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Erleichtert ließen wir uns in die Liegestühle zurückfallen. Mehrere Tage hatten wir geschuftet und nun konnte sich das Ergebnis sehen lassen. Die Blumen waren von Natasha farblich abgestimmt arrangiert worden. Ich hatte alles was ich nicht kannte, rasiermesserscharf als Unkraut enttarnt und ausgerissen. dass dabei auch der Rosenstock ein Opfer des Massakers wurde, war unvermeidbar gewesen. Nur Natasha hatte fortwährend gezischelt: „Woher soll denn der Herr auch wissen, wie Rosen aussehen? Wär’ doch zuviel verlangt. Immerhin habe »ich« sie ja auch schon lange nicht mehr in einer Vase gesehen. Wer sollte sie mir denn auch voll Aufmerksamkeit schenken?“

Ich hatte mich in meiner Arbeit aber nicht weiters davon irritieren lassen, und entschlossen vor mich hingejätet. Nur bei den ab und zu ertönenden, angeekelten Schreien von Natasha musste ich wieder mal einem Regenwurm mit ein paar Klapsen auf den Allerwertesten nahe legen, sich doch gefälligst woanders sein Revier zu suchen. Wir wollen hier schöne Natur haben, und nicht so ekliges Zeugs. Auf diese Weise hatten wir als Städter der Natur unseren Gestaltungswillen bewiesen.

Vor uns lag nun eine Oase der Farbenpracht und Ruhe. Ein Garten, genauer gesagt, der 1 Meter breite und 5 Meter lange Erdstreifen zwischen Zaun und Terrasse, gekrönt durch Komposition und Formvollendung, lag vor unseren zufrieden ruhenden Blicken. Natasha blinzelte mich verliebt an.

Es raschelte leise im Hintergrund. Etwas braunes Buschiges schielte zwischen zwei wackelnden Magnolien hervor. „Wie süß“, stieß Natasha bezaubert aus. „Schau doch nur, diese kleine Stupsnase und die schwarzen Knopfaugen. Wie niedlich der doch ist.“ Natasha schwelgte in Entzücken.

Das niedliche Tierchen biss gelangweilt in den Blumenstengel und köpfte unsere gerade frisch gesetzte Blume. Natashas Augen weiteten sich. „Das arme kleine Ding ist doch sicherlich hungrig“, und sie verschwand in der Küche und trottete mit ein paar Erdnüssen wieder an. Sie warf dem Eichhörnchen ein paar Nüsse hin.

Das Eichhörnchen besah sich die Erdnüsse, begann sich kichernd am Boden zu wälzen und rupfte mit Tränen in den Augen eine weitere Blume aus, die es unter kleinen Lachanfällen Genüsslich und in Ruhe verspeiste.

Natashas Gesichtsausdruck war erstarrt. Blanker Hass machte sich in ihren Augen breit. Sie wandte sich mir zu: „Vertreib diesen Nager aus unserem Garten. Dieses undankbare Biest soll sich nicht an meinen Blumen gütlich delektieren. Dieses Biest nicht!“

Ich seufzte, stand auf und marschierte zum Blumenbeet. Ich kniete mich hin und wollte das Eichhörnchen mit meiner berühmten bestialischen Löwenschreiimitiation erschrecken. Ich räusperte mich, riss meinen Mund auf und begann durchdringend zu röhren. Das Eichhörnchen sah mich unverwandt an, knabberte seelenruhig am Blumenstengel weiter und warf mir dann zielsicher eine Erdnuss in den Rachen. Ich verschluckte mich, hustete wie wild und lief blau an. Natasha kam herbeigeeilt und klopfte mir mehrmals heftig auf den Rücken.

Jetzt war es persönlich geworden. Dieses Monster sollte unseren Garten nicht mehr gesund verlassen. Ich lief zum Wasserhahn, drehte ihn auf volle Kraft auf, schnappte mir den Gartenschlauch und rannte quer durch den Garten zum Blumenbeet. Mit lautem Krachen fiel ich der Länge nach hin. Ich war über eine Spinnwebe gestolpert.

Ein zweites Eichhörnchen kreuzte vor meinen Augen auf und ließ sich im Blumenbeet nieder. Herzhaft biss es in eine Blüte und begann ein Wettessen mit seinem anderen Artgenossen. Ich fummelte im Liegen nach dem Gartenschlauchkopf, um den scharfen Wasserstrahl auf die beiden zu lenken. Da verspürte ich einen spitzen Schmerz im kleinen Finger: ein drittes Eichhörnchen hatte sich dazugesellt und einen Testbiss an meinen Fingern vorgenommen.

Nun wurde ich fuchsteufelswild. Unser Nachbar sollte uns seinen abgerichteten Pitbull Terrier borgen, der würde den ungezogenen Monstern schon Respekt verschaffen. Rex, so hieß der Hund, der Schrecken der Nachbarschaft, klirrte wild an den Ketten, als ich ihn vom Nachbar übernommen hatte. Es zog ihn mit aller Kraft zur Beute, seine Zähne waren gefletscht, aus den Lefzen sabberte es und völlig ungestüm zog er mich über die Straße zur Beute. Mit letzter Kraft öffnete ich kurz die Gartentür und ließ ihn ein. Er sauste wie wild durch den Spalt und war verschwunden. Ich hielt Natashas Augen bedeckt, sie sollte das abscheuliche Massaker nicht miterleben müssen.

Aus dem Garten hörten wir das wütenden Gebell und Knurren von Rex, er fuhr wild im Garten herum, krachte gegen den Zaun, trappelte über die Terrasse. Es musste bestialisch drin zugehen. Dann wurde es leise. Verhaltenes Winseln und ein unaufhörliches Knacken und Krachen waren zu hören. Neugierig spähten wir über den Gartenzaun. Unter dem Dachvorbau saß an die Wand gepresst und mit eingezogenem Schwanz Rex und versuchte sich vor dem Bombardement von Walnüssen aus dem Baum über ihm zu retten. Auf dem Baum war eine Unzahl an Eichhörnchen damit beschäftigt, die Walnusspopulation vom Baum auf Rex umzusiedeln.

Unter dem Schutz eines großen Regenschirmes befreiten wir den armen Rex aus seiner misslichen Lage. Kaum war er außerhalb des Gartens, floh er Hals über Kopf nach Hause.

Tatenlos mussten wir durch das Küchenfenster mit ansehen, wie sich die ausgelassene Eichhörnchenbande über die letzten Reste unseres Blumenbeetes hermachte, die Blumenzwiebeln ausgrub, und eine Orgie mit Walnüssen und kurzberockten Eichhörnchengroupies feierte. Obszön grinsten sie herüber und verwüsteten das einstige Blumenparadies.

Unsere Betrachtungen wurden durch ein Läuten an der Tür unterbrochen. Draußen stand ein kleiner, haariger Bursche mit protzigen Goldkettchen um den Hals. „Eichhörnchenprobleme?“, fragte er beiläufig. „Hier ist meine Karte. Ich bin von den Eichhörnchenbrothers. Wir können uns um Ihr kleines Problem kümmern. Der Preis unter Brüdern ist 50 Kilo Nüsse pro Monat, und Ihr Garten ist garantiert »clean« von Eichhörnchengesindel. Telefonnummer steht auf der Karte, falls Sie sich entschlossen haben.“

Er schlug seinen schwarzen Ledermantel zu, drehte sich auf dem Absatz um und sein buschiger Rücken verschwand um die Ecke.
Ich sah Natasha an. Sie nickte und ein dreckiges Grinsen zeichnete sich über ihren Lippen. Wir würden unser »Eichhörnchenproblem« in die Hände von Profis legen. Und uns bliebe mehr Zeit mit der Regenwurmgang gnadenlos abzurechnen.
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